Wildes im Westen
Mit Klippen, Karst und rauem Wind: Der Wild Atlantic Way lädt zum abenteuerlichen Roadtrip an der irischen Küste ein.

Mit Klippen, Karst und rauem Wind: Der Wild Atlantic Way lädt zum abenteuerlichen Roadtrip an der irischen Küste ein.

Irgendwo dort draussen, hinter dem Dunst, liegt Neufundland, aber das ist weit weg. Hier oben, an den Slieve League Cliffs im Nordwesten der Insel, mit fast 600 Metern einige der höchsten Meeresklippen Europas, ist man buchstäblich am Rand der Welt angekommen. So beginnt oder neigt er sich dem Ende zu – der Wild Atlantic Way, auf dem man Irlands «Wilden Westen» mit dem Auto, Motorrad oder Velo entdecken, nein gar erobern kann. Seit 2014 zieht sich die Küstenroute auf mehr als 2500 Kilometern von der Halbinsel Inishowen in County Donegal im Norden bis nach Kinsale im Süden der Grafschaft Cork. Es ist die längste definierte Küstenstrasse der Welt. Und eine der eindrucksvollsten.
Im Süden kann es gemächlich beginnen. Vom Postkartenort Kinsale aus geht es erst über die Halbinseln Beara und Dingle hinauf durch das County Kerry. Bald hält das County Clare dann eine der meistfotografierten Sehenswürdigkeiten Irlands bereit: die Cliffs of Moher. An einem klaren Tag stehen hier zahlreiche Menschen und schauen gebannt auf das Meer. Doch wer früh kommt, wenn der Morgennebel noch über den Felskanten hängt, erlebt die 214 Meter hohen Steilwände ganz anders. Die nahe gelegene Karstlandschaft des Burren ist das genaue Gegenteil: eine beinahe mondhafte Ebene aus silbergrauem Kalkstein, in deren Rissen im Frühling wilde Orchideen blühen.

Galway muss die obligatorische Pause mitten auf der Strecke sein: Schliesslich hat das County neben einer der dynamischsten Städte der Insel auch zahlreiche landschaftliche Bijous zu bieten. Denn Galway ist auch Tor zum Connemara, jener rauen, fast menschenleeren Region westlich der Stadt, wo sich Hochmoore und Bergseen abwechseln und die grüne Stille eine hysische Qualität bekommt. Im Norden wartet der Connemara National Park, der sich für einen Streifzug durch irische Urlandschaft anbietet. Gut ausgebaute Wanderwege schlängeln sich etwa um und auf den Diamond Hill. Oben auf 442 Metern angekommen, vergisst man beim 360-Grad-Ausblick auf die Twelve-Bens-Bergkette, Moore und Küste Raum und Zeit.
Weiter nordwärts liegt County Mayo, das rau und wild wirkt. Hier liegt der heilige Berg Croagh Patrick und belohnt Ausdauernde mit einem Panorama, das bei klarem Wetter bis zu den Aran Islands reicht. In Sligo ist es dann das Erbe des Dichters W.B. Yeats, das die Stimmung prägt. Er ist hier aufgewachsen, hier hat er die Landschaft geliebt, hier liegt er in Drumcliff begraben. Die Landschaft um Lough Gill ist jedenfalls so still und so schön, dass man begreift, warum er nie wirklich wegging. In Donegal schliesslich überragen die Slieve League Cliffs die Cliffs of Moher dreifach – und sind dreifach weniger besucht. Auch der Glenveagh National Park, ein Geheimtipp unter Wanderern, beherbergt Rothirsche und Goldadler in einer natürlichen Stille, die in Europa ihresgleichen sucht. Am nördlichsten Punkt der Route, Malin Head, endet der Wild Atlantic Way.

2024 feierte der Wild Atlantic Way seinen zehnten Geburtstag. Was als touristisches Projekt begann, ist längst identitätsstiftend geworden. Irland versteht seine Westküste als das, was es wirklich ist: ein Weltnaturerbe in permanenter Entstehung. Die irische Regierung hat zuletzt Investitionen angekündigt, um die Route nahtlos mit der nordirischen Causeway Coastal Route zu verbinden. Diese 152 Kilometer lange Strecke reicht von der historischen Stadt Derry~Londonderry bis zum pulsierenden Belfast. Dabei lernen Reisende unter anderem die älteste noch in Betrieb befindliche Destillerie der Insel kennen und erkunden die mittelalterlichen Ruinen auf dem einstigen Sitz der Grafen von Antrim. Dann wiederum tauchen atemberaubende Strände, archäologische Stätten und Kulturstädte am Wegesrand auf. Auch ein Abstecher zu den vorgelagerten Inseln lohnt sich. So finden Neugierige etwa auf Rathlin Island wunderschöne Aussichten und eine vielseitige Tierwelt – und so zeigt sich die grüne Insel auch vor der Küste wild.
