Ist es der tirolerische Süden? Oder das südländische Tirol? Nein, es lässt sich nie ganz auflösen. Südtirol ist wie eine Gleichung aus Alpenattitüde und Mittelmeer-Mentalität, Beharrlichkeit und Dolce far niente, Schlutzkrapfen und Spaghetti. Die Konstanten sind dabei Bergseen, schroffe Felsformationen, Obstwiesen – und Gastfreundschaft. Letztere besteht indes nicht aus Zahlen, sondern aus Zuneigung. Dieses Zugegensein wirkt nie aufgesetzt oder inszeniert, sondern intrinsisch. Gastfreundschaft ist im Grunde wie die zweite unsichtbare Geografie Südtirols. Variabel sind hingegen die Weichheit des Lichts, das Wetter, die Ernten und der Geschmack. Kleinste Verschiebungen genügen, und die Gleichung ist nicht mehr dieselbe. Bemerkenswert oft sind es Frauen, die diese Verschiebungen vorantreiben und Neues schaffen: in Brauereien, Gasträumen oder auf Höfen.

Fortgeschrittene Fruchtkunde: Apfelsommelière Maria Tappeiner. © Daniela Dambach

Apfel-Expertin mit Diplom

Eine dieser Macherinnen ist Maria Tappeiner, die auf der Sonnenseite des Vinschgaus mit ihrer Familie den Moarhof betreibt – und ein Diplom als Apfelsommelière in der Tasche hat, was sie zur Pionierin der Paradiesfrucht macht. «Nur keinen Bauern heiraten!», nahm sie sich einst vor. Doch es kam anders, offensichtlich. Heute führt sie Interessierte durch die Reihen aus Apfelbäumen, und spricht über Zusammenhänge von Sonne und Süsse, Ernte und Ertrag, Subtraktion von Zufall und Addition von Erfahrung. Die puderrosa Blüten muss man sich zu dieser Jahreszeit dazudenken, was für eine verführerische Vorstellung! Bei der Degustation lernt man bissschnell: Apfel ist nicht gleich Apfel. Gerade deshalb nicht, weil Familie Tappeiner immer wieder moderne Sorten wie etwa «Cosmic» anbaut, die dem Südtiroler Spitzenreiter «Golden Delicious» ans Kerngehäuse gehen. Äpfel mit Birnen vergleichen? Unbedingt, schliesslich sind das mögliche gustatorische Nuancen, die man anhand des «Aromarads» einordnet. Ja, es ist im wahrsten Sinn eine «Schnitze-Jagd» voller kulinarischer «Knackpunkte», wenn man mit der «Bäuerin des Jahres 2024» über die Eigenschaften von «Envy» fachsimpelt. Dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt, zeigt sich derweil auch rund einen Kilometer weiter weg, im Sterne-Restaurant Kuppelrain.

Expertin der Edeltropfen: Kuppelrain-Gastgeberin Sonya Trafoier. © Daniela Dambach

Den Männern davongefahren

«Ich habe immer davon geträumt, mit meiner Familie zusammenzuarbeiten», sagt die Hausherrin Sonya Egger-Trafoier lachend, während sie mit der schneeweissen Stoffserviette über den beachtlichen Bauch einer Magnumflasche streichelt. Als erste Frau Italiens hat sie den prestigeträchtigen «Michelin Sommelier Award 2022» erhalten. Es ist nicht das erste Mal, dass sie die Männer abhängt: In jungen Jahren war die Südtirolerin erfolgreich im Motorsport. Davon zeugen die zahlreichen Pokale, die in ihrem Weinkeller zwischen rund 17‘000 Flaschen funkeln, von denen sie jede höchstpersönlich in den Händen hielt. «Trophäen aus meinen früheren Leben», kommentiert sie schmunzelnd. «Früher musste ich die besten Winzer ausfindig machen, heute kommen sie von sich aus auf mich zu», erklärt sie, während sie ein «Glasl» einschenkt. Die gerahmte Auszeichnung für ihre Weinexpertise hängt direkt neben der Dessert-Vitrine mit den süssen Kunstwerken ihrer Tochter Nathalie, denen man den Aufwand ansieht. Beugt man sich über die Nachtisch gewordene Bijous, spitzt man die Lippen zum «Oooh», sodass just eine ihrer präzis kreierten Pralinen hindurchpassen würde. Im GaultMillau-Lokal Kuppelrain interagiert alles mit allem: Herkunft und Gegenwart, Wein und Gericht, Erwartung und Überraschung. Es ist wohl eine dieser «femininen Formeln», Durchdachtheit nonchalant wirken zu lassen. Die einzige Lösung dieser Formel? Wiederkehr.

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