Rosa Granit und Meeresrauschen
Wer dem Massentourismus und der sommerlichen Hitze entfliehen möchte, trifft mit einem Aufenthalt in der nördlichen Bretagne in Westfrankreich eine gute Wahl.

Wer dem Massentourismus und der sommerlichen Hitze entfliehen möchte, trifft mit einem Aufenthalt in der nördlichen Bretagne in Westfrankreich eine gute Wahl.

Nachts hört man bei offenem Fenster nur das Meer rauschen. In regelmässigen Abständen erhellt ein Blitz vom nahen Leuchtturm das Zimmer in der «Hostellerie de La Pointe Saint-Mathieu» in Plougonvelin. Draussen, nur ein Steinwurf entfernt, tobt der Atlantik mit grandiosen Wellen. Hier, am westlichsten Ende der Bretagne, thront auf der äussersten Felsnase der gleichnamige Leuchtturm Saint-Mathieu, ein Wächter am Ende der Welt. Wer die 175 Treppenstufen erklimmt, geniesst bei klarem Wetter die faszinierende Aussicht über das Mer d’Iroise, den Archipel Molène, die Insel Quessant bis hin zum «Chenal du Four», der Einfahrt zum Ärmelkanal. Unmittelbar zu Füssen des Leuchtturms liegt die mächtige Ruine der Abtei Saint-Mathieu de Fine-Terre, die im 14. Jahrhundert bis zu 100 Mönche beherbergte. Die imposante gotische Ruine ohne Dach ist ein verwunschenes Zeitzeugnis.

Etwas weiter nördlich, in der Nähe von Ploumanac’h, liegt der kleine, hübsche Badeort Trégastel. Hier säumen mächtige, bizarre Felsformen aus rosa Granit die Küste, die zur faszinierenden «Côte de Granit Rose» gehört. Ein einfacher, zwei Kilometer langer Weg führt rund um die Halbinsel Renote. Auf dem Spaziergang durch das Felsengewirr ergeben sich fantastische Ausblicke auf märchenhafte Felsen und weisse Sandstrände, die einen schönen Kontrast zum tiefblauen Meer bilden. In der Ferne ist das Vogelschutzgebiet Sept Îles zu erkennen. Bei Ebbe kann man zu einer kleinen Insel aus lauter rosa Granitfelsen spazieren. Tafeln warnen vor gefährlichen Strömungen. Es ist lebenswichtig, sich an den Gezeitenplan zu halten, um bei auflaufender Flut nicht vom Festland abgeschnitten zu werden.

In knapp 30 Kilometern Entfernung erreicht man das bretonische Kleinod Tréguier. Am Hauptplatz stehen schiefe Fachwerkhäuser. Im Zentrum thront die gotische, alles dominierende Kathedrale, die 2500 Menschen Platz bietet. Hinter der Kathedrale versteckt liegt das Atelier Y’s Paris. Die Künstlerinnen Delphine und Audrey Le Poupon stellen Schmuck und Objekte aus Perlmutt der Seeohr-Muschel her. Delphine arbeitet mit Bohrer und Schleifmaschine. «Diese Arbeit kann man nirgends lernen, sie erfordert grosses Geschick und viel Erfahrung», erklärt sie den Besuchenden und arbeitet konzentriert weiter.
Etwas ausserhalb von Tréguier liegt das Hotel Kastell Dinec’h, ein bretonisches Landgut aus dem 17. Jahrhundert, inmitten eines parkähnlichen Waldes. Nachts ist es stockdunkel, nur die Sterne leuchten am Himmel. Am Morgen werden die Gäste durch fröhliches Vogelgezwitscher sanft aus dem Schlaf geweckt. Die Kletterrosen an der Hausmauer duften verführerisch. Tautropfen glitzern an den Blättern. Sonnenstrahlen stehlen sich durchs Geäst und zeichnen Schatten auf die Wiese. Seit 2024 besitzen Bérangère und Yves Baeckeroot das Hotel, das sie mit viel Herzblut und Engagement renoviert haben. Hier findet man Ruhe und Erholung.
Vom Hotel Kastell erreicht man nach kurzer Fahrt die Küste von Plougrescant, von wo ein Wanderweg in wenigen Minuten zum Gouffre de Plougrescant führt. Die zerklüftete Küste entlang des Weitwanderweges GR34 ist geprägt von steilem Kliff. Dazwischen gibt es weisse Sandstrände. Der abwechslungsreiche Weg führt durch hohes Farnkraut. Windschiefe, vom Sturm zerzauste Bäume stehen am Wegesrand. Am Ende des Rundweges lockt das Bistro Ty Gouffre mit frischen Austern, Meeresfrüchten oder «Fish and Chips» und einer herrlichen Aussicht aufs Meer.

Wer Lust auf Stadt hat, sollte die Hafenstadt Brest besuchen, deren Charme man erst nach und nach entdeckt. Die Stadt wurde im 2. Weltkrieg grösstenteils zerstört und nach dem Krieg neu erfunden. Davon zeugen die geometrisch angelegten Strassen, die von schlichten, modernen Häusern gesäumt sind. Die Rue de Siam führt vom Rathaus zum Fluss. An dieser schnurgeraden Haupteinkaufsstrasse befinden sich edle Boutiquen, Detailhandelsgeschäfte und Cafés.
Die erste Stadtseilbahn Frankreichs verbindet die beiden Flussufer des Penfeld miteinander und führt direkt zu den Ateliers des Capucins. Während der kurzen Überfahrt eröffnet sich ein spektakulärer Blick auf den Hafen und die Hebebrücke. Die Ateliers des Capucins, ursprünglich ein Kloster, dienten später dem Schiffsbau und heute sind die grossen Hallen ein riesiger Eventkomplex mit Kino, Cafés, Kletterwand und dem Océanopolis, Frankreichs grösstem Hochseeaquarium und Meeresmuseum. Ein Muss ist der Besuch des «Château de Brest» mit dem Nationalen Marinemuseum, das die enge Verbindung der Geschichte von Brest mit der Seefahrt zum Thema hat. Das Schloss liegt direkt an der Mündung der Penfeld und bietet einen grossartigen Panoramablick über die Rade, die Häfen und die Stadt.
